Vorfreude statt Vorsorge, SchwangerschaftMein Name ist Nadin, ich bin Kölnerin – im Herzen und vom Wohnort, habe 3 Söhne und habe meine Leidenschaft zum Luftverkehr mit dem zweiten Kind an den Nagel gehangen, um ein paar Jahre ganz die Familie genießen zu können und meinen Mann in seinem Stoffladen im background  zu unterstüzen.

Wie hast du deine Schwangerschaften erlebt und welche Vorsorgeuntersuchungen hast du in Anspruch genommen?

Nadin: Ich hatte das große Glück von meiner ersten Schwangerschaft erst in der 24. Woche überhaupt zu erfahren, dass wir Eltern werden. Dadurch hatte sich Vieles schon von allein erledigt und war recht entspannt, außer der Tatsache keine Vorsorgehebamme mehr zu bekommen. In der 2. Schwangerschaft bin ich schnell in die Spirale geraten: Untersuchungen, HUCH, das Baby ist zu klein / schlecht versorgt / whatever, das MÜSSEN wir beim Pränataldiagnostiker kontrollieren, das MÜSSEN Sie im Krankenhaus schätzen lassen, Puh, da sollten wir uns auf eine Einleitung vorbereiten.

Auch hier hatte ich wieder wahnsinniges Glück, denn dieses Mal hatte ich eine Vorsorgehebamme, eine ausgezeichnete, die mich nach jedem dieser aufreibenden Termine wieder geerdet hat. Und die mir etwas ganz wichtiges mit auf den Weg gegeben hat: ICH entscheide was untersucht wird, ICH entscheide, wann / ob / wie eingeleitet wird, MY BODY, MY CHOICE! Als mir das klar wurde, wurde die Schwangerschaft urplötzlich entspannt, der Druck von Außen fiel von mir ab. Und das Baby blieb 4 Wochen (!) länger in Mamas Bauch, als es das erste Einleitungsgespräch suggerierte — und scheinbar hatte es die Nase von all dem Ärztekram genau so voll wie ich und kam quasi im Auto 😀 Als Lehre daraus durfte ich bei Kind#3 eine reine hebammenbetreute Schwangerschaft genießen – ein Segen!

Was waren deine Gründe, gar nicht oder nicht mehr zum Frauenarzt zur Vorsorge zu gehen?

Die Erfahrungen, dass eine Schwangerschaft (#1) so viel entspannter ablaufen kann, und die Erfahrungen, dass MICH diese Untersucherei kirre macht (#2) und der Heimvorteil – mit einem knapp 1 Jährigen war mir das einfach viel angenehmer, als den dauernd mit zu Terminen in eine steriler Praxis zu schleppen, wo ich dauernd gestresst bin, weil er sich wie ein Kind verhalten könnte.

Fast immer kam die Hebamme zu mir, ich war viel flexibler und entspannter, der „Große“ wurde immer mit einbezogen und uns wurden tolle Kniffe gezeigt wie wir auch ohne die Hebamme bestimmte Dinge tasten können. Die Hebamme hat uns „einbezogen“ und nicht einfach geschaut und dann ihren Eindruck genannt, wie es beim Gyn der Fall ist. Gerade mit mehreren Kindern fand ich das viel weniger stressig, als uns und unseren Tagesablauf (Schule, Mittagsschlaf, etc) in den straffen Terminplan einer Ärztin zu bugsieren (und die Nachwirkungen ggf den ganzen Tag „auszubauen“).

Warum hast du dich gegen Pränataldiagnostik und Ultraschall entschieden?

Es hätte schlicht keinen Unterschied gemacht – außer, dass es uns unter Umständen belastet hätte und die Lockerheit genommen und die Vorfreude, die das Baby aber verdient hat, getrübt hätte – angenommen hätten wir es in jedem Fall.

Hast du dir selbst Techniken zur Vorsorge angeeignet oder welche durchgeführt?

Nein, ich habe einfach (meinem Körper & der Hebamme) vertraut. Meine Hebamme hat uns gezeigt, wie man in etwa die Kindslage tasten kann, aber ich war da nicht besonders gut drin, außer dem Popo hab ich nichts ertasten können. Selbst beim 3. Kind nicht.

Woher hattest du das Vertrauen, dass es dem Kind gut geht? Was hast du getan, um deine positive Schwangerschaft zu stärken?

Ich habe – ganz entgegen meiner eigentlichen Einstellung – gelesen. Ich bin sonst sehr intuitiv, aber in dieser Schwangerschaft habe ich die Bücher aufgesogen wie ein Schwamm. Es gibt so tolle Literatur über selbstbestimmte Geburten und über den natürlichen Ablauf von Geburten – wenn man die Zusammenhänge lernt, dann wird so Vieles auf einmal klar und (selbst)verständlich, auch wieso zu viel Intervention und Kontrolle eher wenig sinnvoll ist.

Hast du manchmal an deiner Entscheidung gezweifelt und überlegt, doch noch zum Arzt zu gehen?

Nein, zu keinem Zeitpunkt. Ich habe es so sehr genossen, dass ich eher zu Herzen nehme, dies in den vorangegangenen Schwangerschaften anders gemacht zu haben.

selbstbestimmte Schwangerschaft

Wie ging es deinem Mann mit der Entscheidung nicht zum Frauenarzt zu gehen?

Mein Mann ist da noch eine gute Ecke entspannter gewesen als ich. Ich habe einen Hausgeburtsinfoabend besucht und eben viel gelesen, für ihn war einfach glasklar, dass alles so läuft wie es soll und dass es eben einfach natürlich ist ein Kind zu bekommen. Er hätte sogar gut auch auf die Hebamme verzichten können, glaube ich. (Bei Kind#1 musste ich allerdings noch diskutieren, dass ich unser Baby ambulant zur Welt bringen wollte.)

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du von deiner Schwangerschaft ohne die üblichen Vorsorgeuntersuchungen berichtet hast?

Absolut positiv! Alle, denen ich davon erzählt habe (und das tut man ja eher nebenbei, man geht ja weder hausieren, noch habe ich das als etwas so außergewöhnliches angesehen, dass man das dauernd erwähnen müsste) fanden es super – einige haben gesagt es passt einfach zu uns, andere wussten gar nicht, dass das geht und waren ganz interessiert. Manche haben uns natürlich auch berichtet, wieso es bei Ihnen nicht gegangen wäre, oder wieso sie froh um die ärztliche Betreuung sein konnten in ihrem speziellen Fall. Aber negativ geäußert hat sich niemand!

Hast du dich auf die Geburt gefreut und wie lief die Geburt?

Ja, tatsächlich. Hatte ich bei den anderen Kindern wirklich noch Sorge vor dem Ablauf der Geburt (bei #1 vor dem berühmt berüchtigten Geburtsschmerz, bei #2 davor, dass es ja bestimmt nicht so entspannt ablaufen würde wie bei #1), so habe ich mich bei #3 wirklich darauf gefreut. Ich saß einige Wochen vor der Geburt jeden Abend in der Sauna und habe ein tolles Buch (‚die selbstbestimmte Geburt‘ – Ina May Gaskin) gelesen und habe dabei sehr oft über die Geburt sinniert und war manchmal fast traurig, dass es noch etwas dauern würde bis dahin.

In meiner Vorstellung kam das Baby ganz romantisch nachts, vorm Kamin, im Wohnzimmer, bei Kerzenschein und Chillout-Musik. In der Realität waren Osterferien, alle zu Hause (außer mein Mann), es war helllichter Tag, es lief Kinderradio und wir kamen gerade vom Einkaufen 😀 Nur der Ort hat gestimmt – unser BabyBoy#3 kam zu Hause im Wohnzimmer zur Welt. (Und das mit dem Wohnzimmer wollte ich eigentlich nie erzählen, weil ich selber vor Jaaaahren Mal bei Freunden erzählt bekam, dass das Baby im Gästezimmer geboren wurde und die Vorstellung dann bei jedem Betreten des Raumes sehr eigenartig fand.)

Warum machen sich deiner Meinung nach so viele Frauen in der Schwangerschaft Sorgen, ob mit ihrem Kind alles in Ordnung ist?

Ein Kind zu kriegen verändert so vieles, körperlich, seelisch, gesellschaftlich – und man ist vor allem beim ersten Kind wenig in Kontakt damit gekommen. Da muss man sich erst Mal sortieren. Man kennt aus den Medien einfach den Standard Arzt / Krankenhaus / höllische Schmerzen – dass das auch anders sein kann und darf, das taucht in unserem Alltag kaum auf. Auch sind wir es gewohnt zu funktionieren, unsere Bedürfnisse zu verschieben und nur zu glauben was wir sehen – eine Schwangerschaft in der wir eben nur den Bauch sehen, aber nicht das Baby, in der wir das Gefühl brauchen verschiebt den Fokus. Aber das ist sehr schwer, das in der Kürze der Zeit abzulegen.

Was ist dein Ratschlag an Frauen, die mehr Sorgen als Vorfreude haben?

Informiert Euch und entscheidet nicht gegen EUER Bauchgefühl! Auch, oder gerade hier, ist (Weiter)bildung der Weg aus der Abhängigkeit!

Gibt es etwas, das du dir dir für schwangere Frauen generell im Bezug auf das Thema Vorsorgeuntersuchungen wünschen würdest?

Ich wünsche mir auf der einen Seite mehr Aufklärung – auch mit ganz klaren Worten. Was ist das Pro dieser Untersuchung, was das Contra und wer hat die Entscheidungsgewalt. Welche Rechte habe ich als Schwangere – und welche Pflichten. Vielleicht wie bei den Impfungen – mit Unterschrift der Schwangeren, dass sie darüber informiert wurde. Den Rest muss dann schon die Schwangere selbst übernehmen. Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass die Frauen in Ruhe gelassen werden – dass sie frei entscheiden können womit sie sich wohl und sicher fühlen, ohne gesellschaftliche Erwartungen und Druck von Anderen.

Dass Frauen auch genau so in Ruhe sagen dürfen: Ich möchte mein Baby nur mit der Hebamme bekommen, wie auch, wenn sie alle ärztlichen Untersuchungen brauchen, um sich sicher zu fühlen.

„MY BODY, MY CHOICE – ICH entscheide, was untersucht wird!“
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